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Der alte Mann saß in seinem Sessel und lauschte der Musik. Beethovens 9. Symphonie hatte er aufgelegt und diese Musik schmeichelte seiner Ästhetik. Zurückgelehnt, bequem, aber trotzdem mit einer gewissen Haltung, saß er dort. Obwohl Beethoven sein Lieblingskomponist war, obwohl diese Musik ihn sonst stets in ihren Bann zog – heute hing der alte Mann seinen Gedanken nach. Es war Weihnachten und trotzdem dachte der alte Mann nicht an Geschenke für seine Lieben, den Tannenbaum, welchen er stets selber besorgte, noch drehten sich seine Gedanken überhaupt um das Weihnachtsfest. Na, ja. So ganz stimmte das auch wieder nicht. Das Weihnachtsfest war der Ausgangspunkt seiner Gedanken gewesen.


Christi Geburt. Dieser Gedanke hatte ihn weitergeführt zu dem Gedanken an den Tod. In seinem Alter lagen solche Gedanken manchmal nahe, wähnte man sich doch schon immer öfter an der Schwelle zum Abschied von allem Irdischen. Gerade jetzt – in diesem Augeblick, beschäftigte er sich damit, ob es etwas nach dem Tode gäbe. Eine Art Fortbestand, ein Weiterleben – ein Seelenleben? Von der Kindheit an war er im christlichen Glauben erzogen worden und hatte gelernt fest an eine Auferstehung, an den Himmel und das Paradies zu glauben. Trotzdem – in seinem Alter spazierten die Gedanken immer öfter zum eigenen Tod. Auch heute stellte er wieder fest, dass er keine Angst vor dem Tod hatte.

Er hatte sein Leben gelebt- aus seiner Sicht ein gutes Leben. Eine gute Ehe, Kinder , aus denen etwas Ordentliches geworden war, stete Pflichterfüllung – aber auch der Genus der schönen, guten Seiten des Lebens. Eben ein gutes, gottgefälliges Leben, wie man so sagte. Nichts hatte er sich vorzuwerfen. Ja- und auch sein Glaube an Gott und eine Weiterexistenz nach dem Tod war unerschütterlich, wie er gerade wieder einmal feststellte.

Er öffnete seine Augen, welche er immer schloss, um sich besser den Tönen der Musik hingeben zu können. Nein – er wollte seine Augen öffnen – aber – er konnte es nicht. Seine Augen – was war mit seinen Augen? Warum konnte er sie nicht öffnen?  Schwärze – Dunkelheit, die ihm sonst Ruhe und Geborgenheit gab – jetzt fing sie an ihm Angst zu bereiten. Angst? Sein Herz pochte schneller. Schneller? Herzschlag? Da war kein Herzschlag. Kein Herzschlag im ganzen Körper? Er spürte keinen Körper – er spürte seinen Körper nicht mehr.

Tot – ich bin tot. Es war die einzige logische Schlussfolgerung. Kein Herzschlag – keinen Körper – tot. Zeit seines Lebens war er ein logisch denkender Mensch gewesen. Gewesen? Nun dachte er selbst über sich schon in der Vergangenheitsform. „Dinge, die du nicht verändern kannst, musst du akzeptieren“. Wie oft in seinem Leben hatte er diesen Spruch gepredigt. Seiner Familie, Freunden und Verwandten. Nun gut er war tot. Gestorben. Still – sang – und klanglos. Klanglos? Richtig. Er hörte die Musik nicht mehr – Beethovens Neunte. Ein weiteres Indiz dafür, dass er tot sein musste. Kein Herzschlag, keinen Körper, keine Wahrnehmung der Sinnesorgane – tot. Entgültige logische Konsequenz. Nicht veränderbar – also akzeptieren. Gut. Akzeptiert. Und jetzt? Was kam jetzt? Mit dieser Frage spürte er sie wieder – Angst. Lieber Gott, wo bist Du? Stille. Dunkelheit – keine Antwort.

Das Gefühl der Angst verstärkte sich. Verdammt noch mal, wo blieb denn das alles? Er hatte doch über den Tod gelesen? Von Menschen welche klinisch tot zurückgeholt worden waren. Sie alle hatten erzählt von Licht, Blumenwiesen, wunderschöner Musik. Wo war all jenes, was von der Kanzel über den Himmel gepredigt worden war? – Scheiße!

Ihm fiel auf, dass er schon zweimal in Gedanken geflucht hatte. Zu seinen Lebzeiten hatte es so etwas nie gegeben. “Du sollst nicht fluchen“. An dieses Gottesgebot hatte er sich immer gehalten und in seiner Familie waren Flüche ein Tabu gewesen. Und jetzt? Jetzt fluchte er wie ein alter Bierkutscher. Wieder überkam ihm das Angstgefühl und ein Gedanke drängte sich in den Vordergrund. War er in seinem Innersten doch schlecht? Hatte er diese Schlechtigkeit nur unterdrückt? Finsternis! War er deswegen noch nicht im Himmel? Wartete auf ihn die Hölle, ewige Verdammnis, ewige Finsternis? War dieses schon die Hölle? Panik fiel ihn an. Kälte ergriff sein herz, welches er ja nicht mehr hatte und doch nun zu verspüren glaubte. Auf ewig gefangen in der Finsternis – in dieser Finsternis?

Er versuchte die Panik zu bezwingen. Ruhe – Gelassenheit. Scheiße. Nix  war´s mit Gelassenheit. Verdammt, wollte ihm denn niemand sagen, was eigentlich los war? Hatte nicht die Kirche gesagt, es gäbe ein jüngstes Gericht ? Wo war es? Wo war sein Richter, sein Schöpfer – wo war Gott – Gott, wo bist Du? – Der Gedanke durchhallte sein ganzes ich. Er schien sich selbst fremd zu werden. Fremd? Er sich? Veränderte er sich? War der Tod doch etwas endgültiges? Auflösung und dann das ewige Nichts?

Dieses dauernde ewig, ewig ging ihn langsam an die Nieren. Einen kurzen Augenblick ertappte er sich bei einer Amüsiertheit. Wer tot war, besaß keine Nieren mehr. Paradox, unreal. War alles, was er geglaubt hatte, unreal? Gab es keinen Gott? Dieser Gedanke löste wieder Panik bei ihm aus. Auflösung – Nichts – Ende. Die Panik fing an sich in Lethargie zu wandeln. Er konnte doch nichts tun. „Dinge, die du nicht verändern kannst, musst du akzeptieren!“ Ruhe, Gelassenheit, Stumpfsinn. Ende. Der Tod war das Ende. Auflösung – Nichts – Ende – Auflösung – Nichts – Ende. Auflösung – Nichts – Licht – Ende. Licht? Wieso Licht? Woher kam dieser Gedanke? Gedanke? Nein, da war Licht. Ein Lichtpunkt in der Dunkelheit. Fern. Was es wohl für ein Licht war? Ob es erreichbar war?

Das Licht kam näher – vergrößerte sich. Oder schwebte er auf das Licht zu? Wie auch immer – es wurde zusehends größer. Der Lichtpunkt wurde nicht nur größer – er veränderte sich – bekam Form – nahm Gestalt an. Gestalt – Erleichterung ergriff ihn. Gestalt bedeutete etwas Lebendiges. Langsam erkannte er in der Lichtgestalt Konturen. Arme, Körper, Kopf Flügel. Flügel – Engel. Ja es musste ein Engel sein. Welche Gestalt, menschenähnlich, besaß sonst Flügel? Ein Engel – endlich! Mit diesen Gedanken war der Engel auch schon bei ihm, hob seinen Arm zum Gruß. „Friede sei mit dir“, hörte er den Engel sagen. Das heißt, er wusste was der Engel sagte; es war einfach da. Zum Hören hätte er ja Ohren, also einen Körper haben müssen und der Engel hatte auch seine Lippen nicht bewegt. Lippen. Trotz seiner Lichtgestalt besaß er Lippen. Überhaupt hatte er wirklich menschliche Gestalt, aber überirdische Schönheit dazu. Der Engel streckte ihm seine Hand entgegen und er wusste sofort mit unendlicher Klarheit, dass der Engel ihn führen wollte. Schutzengel – Führungsengel – Kindheit. Vertrauen, unendliches Vertrauen und Geborgenheit, Wärme und Liebe umfing ihn. – Er ergriff dankbar die angebotene Hand des Engels und ließ sich führen. Führen zu einem Licht in der Ferne welches er jetzt erst wahrnahm und welches magisch anzog, weil es ihm das Gefühl gab, dort und nur dort, wirklich zu Hause zu sein. Sehnsucht, Gewissheit. Ja, es gab Gott, seine Engel. Es gab ein Weiterleben nach dem Tod. Tod? Es gab ihn ja gar nicht. Es war ein Aufwachen aus einem langen Traum – ein Heimkehren nach langer Reise. Der Tod war eine Lüge – das Licht war Wahrheit.

In diesem Licht hörte er eine wundersame Musik, gespielt von einem himmlischen Symphonieorchester. Sie spielten die Todessymphonie – die Melodie der Heimkehr ins Licht. Ja, Vater. Ich komme heim. Heim zu DIR. Ja, Vater – Vater ? Vater! – Jemand rüttelte ihn. “Vater“

Er schlug die Augen auf und schaute in das Gesicht seines Sohnes. Vertraut und doch nicht so vertraut wie das Gesicht des Engels. Engel? Verwirrt schaute er sich um. „ Vater, du hast ja richtig fest geschlafen“, hörte er sanft die Stimme seines Sohnes sagen. Geschlafen? Geträumt? Es ist Weihnachten und Bescherung für die Kleinen. Weihnachten. Ja, es war wohl ein Traum. Ein Traum, der sich wiederholen würde, vielleicht schon bald – in Wirklichkeit. Das wusste er genau. Und noch etwas wusste er genau. Diesmal würde ihn gewiss nichts ängstigen. Keine Zweifel mehr. Schließlich kannte er nun seinen Schutzengel. Er erhob sich und ging mit in die gute Stube, wo der Weihnachtsbaum, die bunten Teller voller Köstlichkeiten und die vielen Geschenke der Freude waren. Während alle dann „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sangen, hörte er immer noch die süßen Klänge der Todessymphonie.

Quelle: "Für die Seele leih mir deine Flügel" von F. E. Eckard Strohm

   
© Praxis für geistiges Heilen - Jürgen Pitten